GWF Wasser Abwasser
Schwimmen in freier Natur? Das ist vielerorts unbedenklich möglich.

Einfach mal abtauchen?

Der nächste Badesee ist oft nicht weit und meist hygienisch unbedenklich für Schwimmer. Ein Forschungsprojekt des Bundes will jetzt auch Flüsse verstärkt überwachen und entlasten.

Das Projekt FLUSSHYGIENE hat sich zum Ziel gesetzt, Instrumente zu entwickeln, mit denen man komplexe, multifunktionale Fließgewässer so bewirtschaften kann, dass ohne Einschränkung ihrer ökonomischen Funktionen ein höchstmöglicher Gesundheitsschutz gewähr­leistet wird. Konkret geht es um risikobasierte Vorhersageinstrumente und langfristige Be­wirtschaftungsstrategien hinsichtlich hygienischer Belastungen in diesen Gewässern. FLUSSHYGIENE ist eines von 15 Verbundprojekten im Rahmen der Fördermaßnahme „Regionales Wasserressourcen-Management für den nachhaltigen Gewässerschutz in Deutschland – ReWaM“, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Es ist Teil des BMBF-Förderschwerpunktes „Nachhaltiges Wassermanagement“ (NaWaM) im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ (FONA3).

Regina Gnirß

Fünf Fragen an Regina Gnirß

Dipl.-Ing. Regina Gnirß, Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung der Berliner Wasserbetriebe, ist an FLUSSHYGIENE beteiligt. Die studierte Umwelttechnikerin engagiert sich seit Jahren für saubere und naturnahe Gewässer im Raum Berlin. Für die Wasserbetriebe koordiniert sie Forschungsprojekte zu verschiedenen Themen entlang des Wasserkreislaufs. Das ReWaM-Projekt FLUSSHYGIENE ist für Gnirß auch ein persönliches Anliegen.

 

Die aktuelle Badesaison ist in großen Teilen Deutschlands bisher weitestgehend ins Wasser gefallen. Haben Sie ein persönliches Lieblingsgewässer, an das es Sie zieht, wenn der Sommer wieder Einzug hält und würden Sie darin auch entspannt planschen?

Ich schwimme regelmäßig im Berliner Schlachtensee – ganz entspannt. Denn seine Qualität ist hervorragend, da unsere Oberflächenwasseraufbereitungsanlage die Nährstoffkonzentration verringert und damit das Algenwachstum begrenzt wird. Als Kanutin bin ich in den Ferien auch in kleineren Fließgewässern und in Seen im Norden Brandenburgs unterwegs. Die Qualität in den letzten Jahren hat sich dank der umfangreichen Investitionen in die Abwasserinfrastruktur deutlich verbessert.

Im Jahr 2015 wurden 2.292 Badegewässer in Deutschland nach der EG-Badegewässerrichtlinie 2006/7/EG überwacht. Davon lagen 367 an Nord- und Ostseeküste, 1.893 an Seen, aber nur 32 an Flüssen. Warum gibt es Ihrer Meinung nach nur so wenige Badestellen an Fließgewässern?

Ein Aspekt ist die Beschränkung durch die Schifffahrts- und Wasserstraßen, dies gilt zum Beispiel im innerstädtischen Bereich auf der Spree. Und die hygienische Wasserqualität schwankt in den meisten Fließgewässern stark. Das hat unterschiedliche Gründe, etwa Einträge bei einem Starkregenereignis, Tiere oder Bootsverkehr. Plötzliche Verunreinigungen können in der Praxis nicht erfasst werden. Das Auftreten dieser möglichen Verschmutzungen und deren Ausbreitung im Gewässer sind schwer einzuschätzen. Hier setzt FLUSSHYGIENE an. Die Relevanz unterschiedlicher Eintragspfade soll ermittelt und Veränderungen des Flusses, zum Beispiel nach Starkregenereignissen, untersucht werden.

Was müsste Ihrer Meinung nach konkret geschehen, damit mehr Flüsse die Anforderungen der Badegewässerrichtlinie erfüllen? Welche Verantwortung liegt möglicherweise auch bei den Bürgern?

Mit der entstehenden Datenlage aus FLUSSHYGIENE können ideale Bewirtschaftungsmaßnahmen abgeleitet werden. Für die Berliner Wasserbetriebe sehe ich bei den Mischwasserüberläufen noch Handlungsbedarf. Wobei man hier auch klar sagen muss: In urbanen Ballungsräumen mit einer Mischkanalisation werden sich Überläufe nicht vollständig vermeiden lassen. Viele Bürger verbringen ihre Freizeit an innerstädtischen Gewässern. Dadurch gibt es eine Übernutzung. Das Aufstellen – und das anschließende Nutzen durch die Bürger – von Sanitäreinrichtungen und Abfalleimern ist hier notwendig. Aber auch Beschränkungen wie das Hundeverbot sind zu thematisieren.

Wasser ist für viele Menschen ein hoch emotionales Thema. Wie wichtig ist die frühzeitige Information und Einbeziehung aller Anlieger und Interessengruppen bei Maßnahmen an Gewässern? Wie kommunizieren die Berliner Wasserbetriebe mit ihren Kunden – etwa bei akuten Störungen oder hygienischen Belastungen?

Die frühzeitige Information und Einbeziehung aller ist wichtig. Diese Kommunikation über Qualität der Gewässer erfolgt in Berlin durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales und ist über das Internet abrufbar. Zusätzlich sind an den Gewässern Informationstafeln aufgestellt. Dies entspricht allerdings nicht der Dynamik der Verschmutzung, zum Beispiel bei einem Starkregenereignis. Dazu haben wir zuletzt sehr gezielt kommuniziert: Im Vorfeld des 2. Berliner Flussbadpokals an der Museumsinsel haben wir dem Veranstalter Daten über Mischwasserüberläufe gesandt und gemeinsam eine Informationsreihe konzipiert, die der Verein „Flussbad Berlin“ auf seiner Facebookseite veröffentlicht hat. Die Berliner Wasserbetriebe erwarten sich aus dem Projekt FLUSSHYGIENE ein abgestimmtes Kommunikationstool für die Öffentlichkeit. Die erarbeiteten Daten aus FLUSSHYGIENE sind eine gute Grundlage für die gemäß Wasserrahmenrichtlinie aufzustellenden Masterpläne für jedes Gewässer. Dabei ist auch die Öffentlichkeitsbeteiligung ein wichtiger Aspekt. Die Interessen sollen abgewogen und mit den Bürgern und Nutzern diskutiert werden, um zu definieren, wo wir stehen und wo wir hinwollen.

Mit ASKURIS, KURAS, NITROLIMIT und aktuell FLUSSHYGIENE haben die Berliner Wasserbetriebe bereits reichlich Erfahrungen mit Fördermaßnahmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gesammelt. Welchen Nutzen ziehen die Berliner Wasserbetriebe aus solchen Projekten und was sind aus Ihrer Sicht Faktoren, die ausschlaggebend waren für einen gelungenen Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis?

Dank des gebündelten Fachwissens aus Kooperationen mit Hochschulen, Instituten, Behörden und Unternehmen können wir innovative Lösungen für wichtige Fragen finden. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Praxispartnern und wissenschaftlichen Einrichtungen ist einer der ausschlaggebenden Faktoren für den gelungen Transfer von Theorie zur Praxis. Ein weiterer Faktor ist unser hausinternes FE-Management. Es stellt sicher, dass unsere Projekte am Bedarf des Unternehmens orientiert sind und die Ergebnisse eines Projekts zur Übertragung in die Praxis erwartet werden. So konnten wir Maßnahmen umsetzen, die die Gewässer sowohl bei den Nährstoffen als auch bei den Keimen gezielt entlasten und tragen dazu bei, dass sich die Qualität in Havel, im Tegeler See und der Grunewaldseenkette zum Baden einlädt.

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