GWF Wasser Abwasser

Entwässerung für morgen

Über zukunftsfähige Entwässerungssysteme diskutierten 23 Referenten mit rund 500 Teilnehmern beim 29. Lindauer Seminar unter der Leitung von Prof. Max Dohmann und Prof. Wolfgang Günthert

Die hohe Teilnehmerzahl demonstrierte eindrucksvoll die wasserwirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung technisch intakter und zukunftsfähiger öffentlicher und privater Entwässerungssysteme.

„Immer der richtige Zeitpunkt“

Prof. Max Dohmann lenkte zum Auftakt der Veranstaltung zunächst einen Blick auf die Zukunft in Deutschland: Die deutsche Abwasserinfrastruktur sei auf Weltniveau. Dennoch zeichneten sich notwendige Veränderungen und Ergänzungen ab: Trotz stagnierender Einwohnerzahlen seien zum Bestandserhalt und Ausbau der Kanalisationen Investitionen in einer Größenordnung von etwa 3,7 Mrd. Euro pro Jahr nötig. Prof. Dr.-Ing. Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft und Bodenschutz des Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, wies darauf hin, dass Netzbetreiber und Städteplaner gut beraten seien, das Thema zukunftsfähige Siedlungsentwässerung rechtzeitig in den Katalog ihrer regelmäßigen Bilanzierungen mit aufzunehmen. Zusammenfassend solle jede Gelegenheit genutzt werden, um bei größeren Maßnahmen am Kanalnetz auch dessen intelligente Weiterentwicklung zu verfolgen. Der Zeitpunkt für eine Weiterentwicklung der Abwassersysteme sei, so Prof. Grambow, immer richtig.

Integraler Planungsansatz 

Die Rolle der Entwässerungssysteme im Rahmen der Überflutungsvorsorge beleuchtete Prof. Dr.-Ing. Marc Illgen (Hochschule Kaiserslautern). Vor dem Hintergrund zu erwartender Starkregenereignisse seien Ausbaumaßnahmen an der Kanalisation teuer, allein aber nicht heilbringend. Ergänzend seien Maßnahmen an Oberfläche, wie Retentions- oder Versickerungsflächen vorzusehen oder sogar zu bevorzugen. Wie ein solches Umdenken in der Praxis funktionieren kann, stellte Dipl.-Ing. Reinhard Beck (Ingenieurbüro Reinhard Beck GmbH & Co. KG) am Beispiel der Stadt Solingen dar. Die Stadt nehme bereits ihre Verantwortung für die Folgen von Starkregen wahr, indem sie stadtweit die Überflutungsrisiken ermitteln lasse. Die neu aufgestellte Siedlungsentwässerung sei in Solingen zukünftig Bestandteil eines gesamtkommunalen integralen Planungsansatzes, der die Anforderungen seiner Bürger hinsichtlich Entwässerungskomfort und Überflutungsschutz unter Berücksichtigung der ökologischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Belange erfülle.

EU-Vergaberichtlinien

Dr.-Ing. Holger Hoppe (Dr. Pecher AG) ergänzte mit seinem Vortrag zu Planung und Betrieb zukunftsfähiger Entwässerungssysteme, dass nicht nur Ausbaumaßnahmen erforderlich seien, sondern insbesondere in der Betriebsoptimierung erhebliche Anpassungspotenziale bestünden. Er nannte als Beispiele für eine intelligente Nutzung erhobener Messdaten die verschmutzungsabhängige Kanalnetzsteuerung in Wuppertal oder auch neuartige Möglichkeiten der Fremdwassererfassung. Bernd Düsterdiek (Deutscher Städte- und Gemeindebund) stellte in seinem Vortrag seine Einschätzung zu den neuen EU-Vergaberichtlinien aus kommunaler Sicht dar. Die EU-Vergabereform sei seiner Ansicht nach die größte Reform seit zehn Jahren und ziehe eine neue Struktur des Vergaberechts nach sich. Michael Hippe (Ingenieurbüro Fischer GmbH) stellte Methoden der Ausschreibung und Vorbereitung der Vergabe durch ein Ingenieurbüro vor. Dabei müsste trotz aller Planungswerkzeuge die Ausschreibung immer auch durch eine konsequente Orts- und Schachtbegehung vorbereitet werden. Uwe Neuschäfer (KASSELWASSER, Güteschutz Kanalbau) stellte das Aufgabenfeld des Güteschutz Kanalbau vor. Vor dem Hintergrund, dass rund 75 Prozent aller Schäden im Kanal auf Planungs- oder Ausführungsfehler zurückzuführen seien, stehe die Gütegemeinschaft für einen fachgerechten Umgang mit dem größten Anlagevermögen der Kommunen.

Zielkonflikte

Prof. Dr.-Ing. Bert Bosseler (IKT - Institut für Unterirdische Infrastruktur gGmbH) führte in seinem Vortrag die Besonderheiten der Anforderungen an den Betrieb privater Leitungen im öffentlichen Grund aus. Diese ergäben sich durch Zielkonflikte wie beispielsweise die Drainage des privaten Grundstücks und die Fremdwasservermeidung im öffentlichen Kanal. Nach wie vor sei eine umfassende Beratung der Eigentümer erforderlich. Die Anforderungen an die 3D-Rohrverlauf-Vermessung mittels ASYS stellte Dipl.-Ing Sven Kämpfer (Ingenieurbüro S. Kämpfer) dar. Die geodätische Lagemessung abwassertechnischer Anlagen leiste zusammen mit der Zustandserfassung einen wertvollen Beitrag für eine wirtschaftliche und nachhaltige Sanierungsplanung.

Mehr Rechtsstreitigkeiten

Dipl.-Ing. Wilfried Günzel, ö.b.u.v. Sachverständiger für Kanalinspektion und grabenlose Kanalsanierung, griff in seinem Vortrag die Frage auf, ob fehlerhafte Planung und Ausführung Ursachen für Mängel in der Sanierung seien. Er stelle seit Jahren eine Zunahme an Rechtsstreitigkeiten bei Kanalsanierungsarbeiten fest, obwohl neben den Gütezeichen eine Fülle von Normen, Regelwerken oder Empfehlungen zur Verfügung stünden und die Verfahren als solche weitgehend ausgereift seien. Anhand verschiedener Fallbeispiele zeigte er auf, dass auch eine sehr gute Ausschreibung mit Vorgabe von Qualitätsstandards kein Garant für eine fachgerechte Ausführung sei. Sei allerdings die Planung oder Ausschreibung mangelhaft, könne man zu einem erheblichen Teil davon ausgehen, dass die Ausführung auch Mängel aufweise und es oftmals zu vermeidbaren Rechtsstreitigkeiten kommen könne.

Knappe Ressourcen als Antrieb

„Wie viel Beratung ist erforderlich?“ Dies hänge, so Prof. Günthert, wesentlich von der Schwierigkeit der Aufgabe und der Qualifikation der Beteiligten ab. Aus seiner praktischen Erfahrung aus beratender Tätigkeit stellte er aber auch dar, dass die vom Auftraggeber gewünschte Leistung nur dann erbracht werden könne, wenn diese mit der ausgeschriebenen Leistung und diese wiederum mit der geleisteten Arbeit deckungsgleich seien. Hier kompetent zwischen den Akteuren zu vermitteln sei ebenso wie die Prüfung, ob die vom Auftraggeber gewünschte Leistung mit der erforderlichen Leistung deckungsgleich sei, wesentliche Aufgabe von Beratungsleistungen. Wie Effizienzsteigerung in industriellen Unternehmen aus Sicht eines Unternehmensberaters geschehen könne und welche Rückschlüsse hieraus für den Kanalbetrieb gezogen werden können, war Inhalt des Vortrages von Dr. Rainer Heger (TMG Consultants). Ressourcenknappheit sei der wesentliche Antrieb für verschwendungsarmes Handeln. Herman Doblinger, AWA Ammersee Wasser- und Abwasserbetriebe gKU, stellte in diesem Zusammenhang zunächst die Möglichkeiten der Unternehmensform „Gemeinsames Kommunalunternehmen“ vor: Kurze Entscheidungswege und klare Organisationsstrukturen würden gemeinsam mit weiteren Vorzügen wie der Wahrnehmung als kommunales Non-Profit-Unternehmen für einen erheblichen Rückhalt in Politik und Bevölkerung sorgen. Hinzu käme, dass sich aus dem Kommunalverbund eine Unternehmensgröße ergäbe, die erweiterte Kompetenzen entwickeln könne und Synergien ermöglichen würde.

Neue Wege

Die Methoden der Substanzerhaltung des Kanalnetzes und das Vorgehen bei Planung und Vergabe von Sanierungsmaßnahmen beschrieb Dr. Christian Falk aus Sicht der Stadtentwässerung Dortmund. Der gegenwärtige Zustand der Kanalisation in Deutschland wie auch in Dortmund und der damit einhergehende Sanierungsbedarf seien auch als Chance zur Umsetzung neuer Wege der Siedlungsentwässerung zu begreifen. Uwe Erdmann, Stadtentwässerung Herne, stellte dar, dass im Bereich der Instandhaltung von Kanalisationen neben der Sanierung auch die Reinigung ein erhebliches Einsparpotenzial böte. Er stellte die Methodik der Stadt Herne bei der Umsetzung einer bedarfsgerechten Kanalreinigung unter Einbezug von Schachtzoomkameras vor.

Neue Techniken

Prof. Karsten Kerres, FH Aachen, ergänzte in seinem Vortrag, dass neue Techniken für den Kanalunterhalt dann effizienzsteigernd und erfolgreich seien, wenn Gerätetechnik, Planungswerkzeuge und Qualifikation der Mitarbeiter in gleichem Maße betrachtet würden. Einen weiteren Themenkomplex stellte die dreidimensionale Erfassung von Abwasserbauwerken und Geländeoberfläche mittels Laserscantechnik dar. Die technischen Grundlagen und Möglichkeiten der Datenerfassung wurden von Dipl.-Inf. Christoph Held (Zoller + Fröhlich GmbH) in seinem Vortrag „On-Site Erhebung mit 3D - In Zukunft ein Muss?“ dargestellt. Abschließend stellte Dipl.-Ing Claus Externbrink (Stadtbetrieb Abwasserbeseitigung Lünen) die Einsatzmöglichkeiten von Managementsystemen in Abwasserbetrieben dar. Unternehmerische Ziele sowie Zielsetzungen, die sich aus Umweltschutzaspekten ergäben, könnten mittels solcher Werkzeuge in Deckung gebracht werden.

Hohe gesellschaftliche Relevanz

Zusammenfassend zeigte auch das diesjährige Lindauer Seminar, dass die Zukunftsfähigkeit der Siedlungsentwässerung nicht nur ein technisches Thema sondern auch ein Thema von äußerst hoher gesellschaftlicher Relevanz ist. Entsprechend wurden die Zusammenhänge aus Sicht der Gesetzgebung, der Betreiber, der Planer und der Anwender vorgestellt und von den Teilnehmern angeregt diskutiert. Das 30. Lindauer Seminar findet am 9. und 10. März 2017 statt. Weitere Informationen zu den Lindauer Seminaren per E-Mail oder im Internet.

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